Hamlet 21

Ballett von John Neumeier nach Saxo Grammaticus und William Shakespeare

Musik: Michael Tippett

Choreografie, Inszenierung und Lichtkonzept: John Neumeier

Bühnenbild und Kostüme: Klaus HellensteinMusik vom Tonträger

2 Stunden | 1 Pause

1. Teil: 50 Minuten, 2. Teil: 40 Minuten

URAUFFÜHRUNG:

Königlich Dänisches Ballett, Kopenhagen, 2. November 1985 unter dem Titel "Amleth"

ORIGINALBESETZUNG:

Hamlet: Peter Bo Bendixen

Ophelia: Mette Bødtcher

Geruth: Linda Hindberg

Horvendel: Mogens Boesen

Fenge: Lars Damsgaard

Koll: Johnny Eliasen

Polonius: Tommy Frishøi

NEUFASSUNG 1997:

Hamburg Ballett, Hamburg, 4. Mai 1997

ORIGINALBESETZUNG:

Hamlet: Lloyd Riggins

Ophelia: Anna Polikarpova

Geruth: Laura Cazzaniga

Horvendel: Jirí Bubenícek

Fenge: Lars Damsgaard

Koll/Fortinbras: Ivan Urban

Polonius: Jean-Jacques Defago

NEUFASSUNG 2021:

Hamburg Ballett, Hamburg, 13. Juni 2021

ORIGINALBESETZUNG:

Hamlet: Edvin Revazov

Ophelia: Anna Laudere

Geruth: Hélène Bouchet

Horvendel: Marc Jubete

Fenge: Félix PaquetKoll/Fortinbras: Christopher Evans

Polonius: Ivan Urban

Horatio: Nicolas Gläsmann

GASTSPIEL:

2022 Baden-Baden

IM REPERTOIRE:

Königlich Dänisches Ballett (Amlet)

VOR DER AUFFÜHRUNG ZU LESEN

von John Neumeier

Die Schauspiele William Shakespeares waren während meiner gesamten Karriere eine

bleibende Inspirationsquelle. Aber wenn man 45 Jahre von einem Stoff fasziniert ist und

so lange daran arbeitet, muss es dafür einen guten Grund geben. Shakespeares Drama

"Hamlet" ist sicher ein Wahrzeichen der Weltliteratur. Es ist ein Werk, von dem wir

voraussetzen, dass es wesentlich ist, von dem wir annehmen, dass wir es kennen sollten.

Viele von uns haben "Hamlet" in der Schule gelesen. Möglicherweise sollte auch mein

Ballett in einem Klassenzimmer beginnen?

Dieser Gedanke regte mich dazu an, einen neuen Rahmen für mein Ballett "Hamlet 21"

zu kreieren – ein weiterer Schritt in meiner 45-jährigen "HamletReise" als Choreograf.

Sie begann in New York mit den fragmentarischen "Hamlet Connotations", führte mich

nach Dänemark mit einem abendfüllenden "Amleth" in Wikinger-Kostümen und später

nach Hamburg, wo ich die Handlung in eine moderne Epoche zwischen den 1930er und

1960er Jahren verlegte.

Schon immer habe ich nach dem Kern, der Essenz dieses Dramas gesucht. In William

Shakespeares "Hamlet" erscheint der Geist seinem Sohn und verlangt Rache für den an

ihm begangenen Mord. In diesem Moment, wo das Verlangen nach Rache vom Vater auf

den Sohn übertragen wird, offenbart sich der zentrale Konflikt des Stückes: das

Dilemma eines jungen Mannes im Umgang mit seiner Verantwortung für die

Vergangenheit.

Um diesen Zwiespalt zu verstehen, ist es unbedingt notwendig zu wissen, was geschah,bevor Shakespeares Schauspiel beginnt. Selbstverständlich vermittelt der Text diesen

wichtigen Hintergrund. Das Ballett dagegen hat keine visuelle Form, um Vergangenes

auszudrücken. (Es gibt keinen Schritt, der ausdrückt: Sein Vater wurde ermordet.) Um

Hamlets Konflikt zu choreografieren, muss ich die Vergangenheit für den Zuschauer

sichtbar werden lassen. Situationen und Charaktere aus früheren Quellen halfen mir, ein

visuell einleuchtendes, passendes Konzept zu entwickeln, um Textinformationen "in Tanz

zu übersetzen". Ich habe bestimmte dramatische Konstellationen aus den "Gesta

Danorum" des Saxo Grammaticus verwendet, jener mythisch-historischen Geschichte

über den dänischen König Amleth, und auch Ideen aus späteren Versionen des Stoffes

übernommen. Ich glaube, dass man viele verschiedene Quellen benutzen darf, wenn

daraus ein persönlicher, neuer "Hamlet" geboren wird. Anders ausgedrückt, ein

Kunstwerk, ob es vom Mythos, der Geschichte oder dem Meisterwerk eines anderen

inspiriert ist, gewinnt seine eigentliche Substanz, sein individuelles Leben durch den

spezifischen Blickwinkel des kreierenden Künstlers.

Giuseppe Verdis "Otello", zum Beispiel, ist ein Meisterwerk. Aber sein "Otello" ist nicht

Shakespeares "Othello". Die Oper mag ihre Existenz der Lektüre des Komponisten

verdanken, der das elisabethanische Stück gelesen hat, aber wir können sie genießen

und schätzen, ohne von Shakespeares "Mohr" die leiseste Ahnung zu haben. Als

Schöpfer eines HamletBalletts für heute – und morgen – musste ich einen Teil von mir

selbst in dem Quellenmaterial wiederfinden: dem von Shakespeare, Saxo Grammaticus

und Adam Oehlenschläger.

Angeregt durch Mythos, Geschichte und Shakespeare suchte ich nach "Hamlet-Klängen"

– einer Musik, die den gleichen archaischen und doch menschlichen Charakter besitzt,

nach einer musikalischen Welt, welche die Atmosphäre einer mythischen, vorchristlichen

Zeit hervorrufen kann, über die tiefen, emotionalen Qualitäten eines Shakespeare-

Dramas verfügt und auf zeitgenössische Figuren hindeutet, die emotionale Situationen

von heute erleben. Ich fand Tippett!

Bei der Entstehung der Fassung von 1997 hat mich Michael Tippetts Musik sehr

inspiriert. Schon lange wollte ich Tippetts Tripelkonzert choreografieren – ohne dass ich

an ein bestimmtes Thema gedacht hätte. Später wurde das Konzert ganz

selbstverständlich ein Teil von "Amleth".

ZUM INHALT

Von John Neumeier

Prolog

Das Klassenzimmer

Polonius unterrichtet Hamlet und Horatio in Latein und Dänischer Geschichte. In ihrer

Phantasie lässt der Unterricht die Vergangenheit derart lebendig werden, dass sie real

erscheint. Hamlet wird zum dänischen Prinzen – Horatio zu seinem treuen Freund.

1. Akt

// Michael Tippett: Sinfonie Nr. 2 (1958) //

1. Szene. Zwei Brüder: Der Krieg mit Norwegen

Zwei Brüder, Horvendel und Fenge, Statthalter von Jütland, ziehen gegen Norwegen in

den Krieg. Geruth und Fenge fühlen sich insgeheim zueinander hingezogen. Sie aber gibt

jedem der Brüder ein Band als Zeichen ihrer Unterstützung. Wer den Krieg gewinnt, wird

sie als Ehefrau gewinnen. Horvendel tötet den norwegischen König Koller im Zweikampf

und steht als Sieger fest.

2. Szene. Geruths und Horvendels Hochzeit

Geruth heiratet Horvendel, der zum König von Jütland gekrönt wird.

3. Szene. Das Kind Hamlet

Hamlet wird geboren. Als Junge langweilt er sich bei Kriegsspielen, dagegen ist er

fasziniert von drei eigenartigen Gauklern. Sein Herz gehört Ophelia, der Tochter von

Polonius – einem Mädchen, das Blumen liebt.4. Szene. Fortinbras

Das Kind Fortinbras, der Sohn von König Koller, trauert um seinen Vater. Als er

erwachsen wird, zieht er Truppen zusammen, um den Tod seines Vaters zu rächen.

Geruth und Fenge ergeben sich ihrer Leidenschaft.

Zwischenspiel

// Michael Tippett: Divertimento für Kammerorchester ›Sellinger's Round‹ (1953-54), 1.

und 2. Satz //

Hamlets Abschied

Als sie sich Lebewohl sagen, gestehen sich Hamlet und Ophelia ihre Liebe. Trotzdem will

Hamlet unbedingt im Ausland zu studieren; er verlässt Dänemark.

2. Akt

// Michael Tippett: Tripelkonzert für Violine, Viola, Violoncello und Orchester (1978-79) //

Hamlets Rückkehr nach Dänemark: Das Drama

Ophelia wartet auf Hamlet. Der Prinz kehrt zur Beerdigung seines Vaters nach

Dänemark zurück und erfährt, dass am gleichen Tag die Hochzeit seiner Mutter mit

Fenge stattfindet. Die Krone geht auf Fenge über – dem neuen König von Jütland.

In Trauer um ihren toten Mann begrüßt Geruth Hamlet. Abrupt beendet Fenge die kurze

Trauerzeit, um seine Hochzeit mit Geruth vorzubereiten.

Hamlet geht zu Horvendels Grab. Der Geist des toten Königs offenbart ihm, dass sein

Bruder Fenge sein Mörder ist. Der Geist verlangt, dass sein Sohn seinen Mord rächt.

Besessen von dem Geist seines toten Vaters, fordert Hamlet von seiner Mutter eine

Erklärung. Geruth zieht sich für die Hochzeit um. Wütend und frustriert misshandelt

Hamlet Ophelia und weist sie von sich.

Verwirrt verliert Ophelia ihren Verstand – sie ertrinkt.

Wieder trifft Hamlet die drei Komödianten. Er flüchtet sich in ihre Fantasiewelt und

kreiert ein Theaterstück, das auf den Mord an Horvendel anspielt.

Hamlet ermordet Fenge in einem wilden, wahnsinnigen Tanz.

Fortinbras marschiert mit der norwegischen Armee in Dänemark ein. Hamlet übergibt

ihm die Krone. Er ist nun König von Jütland.

Hamlet ist frei ...

Epilog

Das Klassenzimmer

"Gute Nacht, liebster Prinz"Übersetzung: Jörn Rieckhoff