Orphée et Eurydice
Tragédie-opéra in drei Akten (1774) / Ballett-Oper
Seit jeher übertrifft John Neumeier gängige Erwartungen, indem er sich als Künstler nicht allein auf die Rolle eines Choreografen festlegen lässt. Mit der Premiere von Christoph Willibald Glucks "Orphée et Eurydice" an der Lyric Opera Chicago übernahm er 2017 erstmals in den USA eine Opernregie in Kombination mit Choreografie sowie Bühnenbild, Kostüm- und Lichtdesign – und ermöglichte so eine ungeahnte Verschränkung der Kunstsparten Ballett und Oper. Ausgangspunkt dieses innovativen Zugriffs war die Pariser Fassung von 1774, für die der Komponist umfangreiche Tanzeinlagen vorsah. Die dynamische Kopplung von Musik und Tanz ist für John Neumeier jedoch kein Selbstzweck. Seine moderne Adaption des Handlungsgerüsts ist von Glucks Idee inspiriert, menschliche Emotionen intuitiv erfahrbar zu machen: "Wir alle haben Verlusterfahrungen gemacht – auch wenn sie nicht die Dimension des Wahnsinns erreichen, wie sie meiner Ansicht nach in 'Orphée' gezeigt werden."
Inszenierung, Choreografie, Bühnenbild, Kostüme und Licht: John Neumeier
Libretto von Pierre-Louis Moline nach Ranieri de’ Calzabigi
Mitarbeit Bühnenbild: Heinrich Tröger
2 Stunden 30 Minuten | 1 Pause
1. Teil: 70 Minuten, 2. Teil: 40 Minuten
PREMIERE:
Joffrey Ballet und Lyric Opera of Chicago, Civic Opera House, Chicago, 23. September 2017
ORIGINALBESETZUNG:
Orphée: Dimitri Korchak
Eurydice: Andriana Chuchman
Amour: Lauren Snouffer
Ensemble of the Joffrey Ballet
IM REPERTOIRE:
Lyric Opera of Chicago
Los Angeles Opera
Hamburgische Staatsoper
Eurydike ist tot, eine Tatsache, die der Mensch und Künstler Orpheus nicht akzeptieren mag. Er fordert sie zurück. Tatsächlich schlägt die Schönheit der Kunst und ihre grenzensprengende Macht dem Tod und den Bewachern der Toten – es scheint, dass dies notwendig ist – die Waffen aus der Hand. Eurydike darf wieder ins Leben. Doch was im Mythos noch der sehnsüchtige, aber tödliche Blick des Orpheus zurück auf die hinter ihm gehende Geliebte war, ist bei Gluck der Verdacht, Orpheus schaue sie nicht an, weil er sie nicht mehr liebe. Der Beweis, den er antreten muss, dass es nicht so ist, tötet sie ein zweites Mal. Doch auch das ist Täuschung: Amor, die Liebe, hat alles inszeniert, um Orpheus zu prüfen, und Eurydike lebt. Die Götter trauen den Menschen eben nicht, wie auch umgekehrt.
ZUM INHALT
I. Akt
Orphée, ein Choreograf, probt sein neues Ballett, Die Toteninsel, inspiriert von dem Gemälde von Arnold Becklin. Orphees Ehefrau Eurydice, die temperamentvolle Startänzerin der Compagnie, soll die Hauptrolle übemehmen. Sie kommt zu spat – ein Streit bricht aus. Empört verlasst Eurydice die Probe. Ein Unfall – Eurydice ist tot. Freunde und Passanten betrauern den plötzlichen Verlust. Unter Schock und gepeinigt von Kummer und Reue ruft sich Orphée betrübt seine Hochzeit ins Gedächtnis. Verzweifelt bricht er zusammen. Sein Assistent, Amor, tröstet ihn, indem er an die mythische Reise des Orpheus in die Unterwelt erinnert.
II. Akt
In seinem Wahn stellt sich Orphée vor, im Hades zu sein, wo die Furien ihn aufgebracht davon abhalten, die Unterwelt zu betreten. Er bittet um ihr Mitgefühl und erklärt, dass sie nicht gleichgültig sein könnten, wenn sie derart gelitten hatten wie er. Von Orphée besänftigt, gestatten ihm die Furien, das Elysium zu betreten. Orphée ist von der Ruhe und Schönheit des Elysiums hingerissen, aber er spürt, dass er das Glück dieses Ortes nur nach der Wiedervereinigung mit Eurydice genießen kann. Seine Ungeduld lässt erst nach, als seine Frau endlich zu ihm geführt wird. Wie im Mythos wird ihm als Bedingung für ihre Rückkehr ins Leben auferlegt, sie nicht anzusehen, bis beide zurück auf der Erde sind.
III. Akt
Ohne sie anzusehen, drängt Orphée seine Frau, ihm schnell zu folgen. Überrascht erkennt Eurydice, dass sie noch lebt und wundert sich, wie es dazu kommt. Orphée weigert sich, auch nur eine ihrer drängenden Fragen zu beantworten. Schockiert über sein Schweigen und seine scheinbare Gleichgültigkeit, regt sich ihr aufbrausendes Temperament. Unfähig ihre Bitten und Anschuldigungen länger auszuhalten, dreht sich Orphee zu ihr um. Eurydice stirbt ein zweites Mal. Orphee betrauert ihren Tod bitterlich. Amor überzeugt ihn, dass Eurydice weiterleben wird: in seinem Herzen und in der Kunst – in dem Ballett, das er kreieren wird.
John Neumeier
Übersetzung: Jörn Rieckhoff
Foto © Kiran West