Von Unschuld und Erfahrung

Ballett von John Neumeier

Musik: Arthur Honegger – Concertino for Piano and Orchestra, H. 55
Choreografie und Kostüme: John Neumeier

URAUFFÜHRUNG:
Stuttgarter Ballett, Schauspielhaus, Stuttgart, 17. Dezember 1967

ORIGINALBESETZUNG:
Fiona Fairie
Marianne Kruuse
Christine Schwerdtfeger

Dieter Ammann
Truman Finney
Egon Madsen

INHALT

[...] Wie Neumeiers opus novum also ein Spiel “von Unschuld und Erfahrung”.
Dieses neue Werk, choreographiert zu Honeggers Klavier-Concertino, entpuppt sich als konsequenter Schritt auf einer bestimmten Linie: ie ein häßliches, kleines Entlein steht der in weiß gekleidete Solist (verkörpert vom ausdrucksstarken Egon Madsen) allein inmitten der kokettierenden roten Paare, ein Fremdling ohne Anschluß. Alle Versuche, sich anzubiedern, gehen fehl; obgleich er die Bewegungsmotive der anderen aufnimmt, erreicht er nichts. Erst mit einer, ebenfalls durch Unschuldsweiß ausgewiesenen “Kollegin” (hat man die vielgesichtige, vielseitige Marianne Kruuse je so schön gesehen?) entspinnt sich ein zartes, beziehungsreiches Duo. Die so geschaffene Erfahrung läßt den Einzelgänger in die Bahnen der anderen einschwingen, einzig seine Partnerin zögert. Wie die mit Jazzspuren durchsetzte Musik swingt die Choreographie, verwebt sie Stile zu einem kostbar gewirkten Bewegungsteppich, setzt sie nahtlose, verschweißte Übergänge und klischeelose Schritte: entschieden ein einfallsreiches, intelligentes Kompendium des modernen Balletts. Im Gegensatz zu seinem melancholisch verhaltenen, anmutigen Renaissance-Pas de deux mit der Musik von Mauro Giuliani, einer Art poetisiertem Strindberg (“Frl. Julie”), eine wirkliche Leistung. [...]