Otello
(Oper)
Musik: Giuseppe Verdi
Inszenierung: John Neumeier
Bühnenbild und Kostüme: Jürgen Rose
URAUFFÜHRUNG:
Bayerische Staatsoper, Nationaltheater, München, 31. Oktober 1977
DIE HANDLUNG
I. Akt
Abend. Auf Zypern warten die Menschen auf den Ausgang des Krieges zwischen der Türkei und Venedig. Ein heftiges Unwetter erschwert den Kampf und gefährdet die Landung der Schiffe. Die venezianische Flotte siegt unter der Führung Otellos und wird von der zypriotischen Bevölkerung, die im Fort Schutz gesucht hatte, mit Jubel und Erleichterung empfangen. Zur Feier des Sieges wird am Hafen ein großes Freudenfeuer angezündet; Fackelläufer bringen die Flamme in den Burghof.
Als Einzige schließen sich der Fähnrich Jago und der Soldat Rodrigo von der allgemeinen Freudenstimmung aus. Beide neiden aus beruflichen und privaten Gründen Otello den Triumph. Rodrigo ist in Desdemona, Otellos Gattin, verliebt. Jago dagegen fühlt sich übergangen, da nicht er sondern Cassio kürzlich zum Hauptmann ernannt worden ist, und plant Rache.
Geschickt benutzt er Rodrigo für seine erste Intrige: Er macht Cassio betrunken und hetzt Rodrigo gegen ihn auf, indem er Cassio als den angeblichen Nebenbuhler um die Gunst Desdemonas hinstellt. Ein Streit wird vom Zaun gebrochen, und der sonst so korrekte Cassio läßt sich hinreißen, den Säbel zu ziehen.
Montano, Otellos Vorgänger auf Zypern, tritt dazwischen und wird von dem betrunkenen Cassio verletzt. Erst Otello kann den allgemeinen Aufruhr schlichten. Zornig über die Ausschreitungen, die schließlich sogar Desdemona aufgeschreckt und nach draußen gerufen haben, degradiert er Cassio und befiehlt allen, sich sofort in die Häuser zurückzuziehen.
Otello und Desdemona sind nun allein.
II. Akt
Am nächsten Morgen. Während er die im Türkenfeldzug eroberte Beute registriert, spinnt Jago an einer zweiten Intrige, mit der er Otellos Vertrauen in Cassio erschüttern, Cassio noch weiter ins Verderben stoßen und sich an Otello rächen will. Er redet dem niedergeschlagenen Cassio zu, Desdemona anzusprechen, wenn sie zu ihrem täglichen Morgenspaziergang in den Burghof kommt, und sie um Fürsprache zu bitten. Der Zufall hilft; Otello kommt gerade rechtzeitig ins Freie, um aus der Ferne die kurze, freundschaftliche Unterredung zwischen Cassio und Desdemona mitzuerleben. Durch geschickte Fragen macht Jago ihn mißtrauisch und weckt in ihm den ersten Zweifel an der Treue Desdemonas.
Während Otello sich Jago zum Komplizen macht und, kaum daß der Verdacht in ihm aufkeimt, bereits nach Beweisen verlangt, huldigen die Fischer und Bauern der Insel Desdemona mit einer ländlich-naiven Zeremonie.
Heiter und unbeschwert tritt Desdemona zu Otello, bittet ihn unbefangen um Nachsicht für Cassio und bestärkt damit unbewußt Otellos Argwohn. Er verbirgt seine Eifersucht hinter Kopfschmerzen. Als jedoch Desdemona ihm die Schläfen mit ihrem blumenbestickten Taschentuch kühlen will, wirft er es ungehalten zu Boden. Jago bringt es mit Gewalt an sich, nachdem zuvor Emilia, Jagos Gattin und Desdemonas Kammerfrau, sorgsam das Taschentuch aufgehoben hat. Er bereitet seine dritte Intrige vor: er erzählt Otello, er habe Cassio im Schlaf belauscht und gehört, wie dieser im Traum zärtliche Liebesworte und den Namen „Desdemona“ geflüstert habe; außerdem behauptet er, ein blütenbesticktes Taschentuch bei ihm gesehen zu haben, das Desdemona gehöre.
Jago und Otello, für den der vermeintliche Liebesverlust bereits gleichbedeutend wurde mit dem Verlust an Tatkraft, Arbeitsfreude und Ruhm, verbünden sich in einem gemeinsamen Racheschwur.
III. Akt
Ein paar Stunden später, am Nachmittag. Man erwartet auf Zypern die Ankunft einer Gesandschaft aus Venedig. Für Otello jedoch verschwinden die politischen Ereignisse hinter den persönlichen Problemen. Er versucht Desdemona auf die Probe zu stellen. Zurn zweitenmal an diesem Tag täuscht er Kopfschmerzen vor und fordert Desdemona auf, ihm die Stirn mit jenem Taschentuch zu verbinden, das er ihr als Brautgeschenk gegeben hatte. Als sie es nicht vorweisen kann und unglücklicherweise auch noch einmal für Cassios Begnadigung plädiert, wird er ausfallend und bezichtigt sie offen der Unzucht.
Endgültig hat ihn der Wahn ergriffen: der Verlust der Seelenruhe läßt in ihm den Wunsch aufkommen, den Rivalen zu töten.
Vorher aber braucht er den realen, sicheren Beweis. Den verschafft ihm Jagos vierte Intrige: Jago inszeniert ein Treffen mit Cassio, dem er zuvor heimlich Desdemonas Taschentuch zugespielt hat. Geschickt verwickelt er den Arglosen in ein zweideutiges Gespräch, das der versteckt lauschende Otello auf Desdemona beziehen muß, zumal er in Cassios Hand das vermißte Taschentuch entdeckt.
Otello beschließt Desdemona zu töten. Er bittet Jago, ihm Gift zu besorgen. Jago rät ab und schlägt vor, Desdemona zu erwürgen. Otello lohnt ihm den Rat; er befördert ihn zum Hauptmann.
Das Eintreffen der venezianischen Gesandten unterbricht das Gespräch. Zunächst beherrscht verliest Otello die Botschaft des Dogen, der ihn nach Venedig zurückberuft und Cassio zum Nachfolger als Gouverneur von Zypern ernennt. Als jedoch Desdemona gute Worte für Cassio findet, beleidigt und demütigt er sie vor der gesamten Gesellschaft.
Jago leitet unterdessen seine letzte Intrige ein: er empfiehlt Rodrigo, Cassio aus dem Weg zu räumen, um die Abreise von Desdemona und Otello zu verhindern. Otello, allein gelassen, bricht ohnmächtig zusammen.
IV. Akt
In derselben Nacht. Desdemona wartet in ihrem Schlafzimmer auf Otello. Sie bittet Emilia, ihr Hochzeitskleid auf dem Bett auszubreiten; sollte sie früher sterben, wolle sie in ihrem Brautschleier beerdigt werden. In ihrer Unruhe erinnert sie sich an ein Lied, das eine Magd bei ihr zu Hause sang. Schließlich begibt sie sich nach dem allnächtlichen Ave-Maria zu Bett. Otello kommt, um Desdemona zu richten. Überzeugt von ihrer Schuld fordert er sie auf, ein letztes Gebet zu sprechen, denn er wolle nur ihren Körper, nicht ihre Seele töten. Und, wie ihm Jago eingegeben hatte, erwürgt er sie.
Emilia stürzt mit der Nachricht herein, Cassio habe Rodrigo umgebracht; sie findet Desdemona, die von Selbstmord spricht und noch sterbend Otello schützt. Otello bekennt sich zur Tat, denn er glaubt sich im Recht. Emilia begreift seinen Irrtum, erkennt Jagos Intrigenspiel und zerreißt das Lügennetz: in aller Öffentlichkeit berichtet sie, wie sich Jago unrechtmäßig in den Besitz jenes Taschentuchs gebracht hat, welches zum Indiz der Untreue wurde.
Jago flieht. Otello richtet sich selbst.