Zwischenräume

Ballett von John Neumeier

Musik: Gustav Mahler – Neunte Sinfonie

Choreografie: John Neumeier

Bühnenbild und Kostüme: Peter Schmidt

URAUFFÜHRUNG:

Hamburg Ballett, Hamburg, 11. Dezember 1994

ORIGINALBESETZUNG:

Bettina Beckmann

Anna Grabka

Heather Jurgensen

Janusz Mazon (für Ivan Liska)

Zwischenräume

John Neumeier zur Choreografie der Neunten Sinfonie von Gustav Mahler

Tanz basiert auf den Spannungsverhältnissen von Zeit und Raum. Der Raum ist

tragendes Element des Tanzes. Ein Mensch bewegt sich unaufhörlich in Zeit und Raum.

Seine Existenz stellt sich in "Zwischenräumen" dar. Ich arbeite in einem von Peter

Schmidt entworfenen Raum sichtbar gewordener Gedanken: Der Raum ist Teil

existentieller Wahrnehmung.

Zwischenräume: Plakativ erschiene es mir, den eigenständigen und merkwürdig

zwiespältigen Charakter der Neunten Sinfonie von Gustav Mahler lediglich mit Gedanken

um Abschied und Tod in Verbindung zu bringen. In dieser Sinfonie herrscht ein

bestimmtes Gefühl auf der Suche nach einer verlorenen Zeit". Ich fühle mich beim Hören

von Mahlers Musik auch an jenen "stream of consciousness" ("Bewusstseinsstrom")erinnert, den der Schriftsteller James Joyce als Verbindung unterschiedlichster

Gedankenwelten ansah. Assoziationen wie diese erscheinen mir als natürliches Merkmal

eines Spätwerks. Solches Wesen muss man in der Neunten Sinfonie nicht fieberhaft

suchen. Es ist selbstverständlich in diesem Werk enthalten. Darüber hinaus gibt es viele

andere Dinge in dieser Sinfonie, die für mich bemerkenswert sind, vor allem der

Ausdruck einer ungeheuren Lebensbejahung und Lebenskraft.

Sie ist komponiert aus dem souveränen Blickwinkel eines älteren reifen Mannes. Der Tod

ist ihm bewusst und allgegenwärtig, aber er bedeutet ihm keineswegs nur Last oder

Verhängnis. Tod wird in Mahlers Musik zu einer Ausdrucksform der Freiheit, über das

leben und die Liebe in ungewöhnlicher Klarheit zu sprechen. Es entstehen musikalische

"Lebensräume", die sich in den Bewegungen a1s Zwischenräume spiegeln.

Zwischenräume: ich empfinde meine Arbeit an der Neunten Sinfonie von Gustav Mahler

als eine Reise durch Zeit und Raum. Es ist ein Weg voll von ambivalenten Eindrücken.

Immer wieder mache ich neue Erfahrungen, trete ich ein in "Zwischenräume". Aus der

Musik höre ich heraus, was Gustav Mahler 1910 - ein Jahr nach der Vollendung seiner

Neunten Sinfonie - über die Gegenwart gesagt hat: Sie sei für das Bewusstsein des

Menschen ein Durchgangsort". Kein Eindruck menschlicher Existenz scheint beständig.

Aber auch keiner, den man jemals erlebt hat, geht dem Bewusstsein völlig verloren.

Mahlers Musik lässt mich diese Gewissheit intensiv fühlen. Im Ballettsaal versuche ich,

diese Gewissheit mit meinen Ausdrucksmitteln zu gestalten.

Zwischenräume: In Gedanken an mein neues Ballett habe ich mich oft an die Bücher des

amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe erinnert gefühlt. Im ersten Kapitel des

Romans "Look Homeward, Angel" ("Schau heimwärts, Engel!") steht der Satz: "Jeder

Augenblick ist ein Fenster, das auf alle Zeit hinausweist." in Thomas Wolfes Büchern

kommen neben vielen anderen Metaphern stets wiederkehrende Sinnbilder vor: A stone,

a leaf, a door (Ein Stein, ein Blatt, eine Tür). Es sind Sinnbilder, die ich auch aus Gustav

Mahlers Musik höre. Für Thomas Wolfe sind sie Ausgangspunkt für existentielle Fragen,

die über konkrete Handlung hinaus - auch dem Tanz zugrunde liegen könnten: "Wer

unter uns hat seinen Bruder gekannt? Wer unter uns hat in seines Vaters Herz gesehen?

Wer unter uns ist nicht immer ein Fremdling und allein?".